Rettungswagen

Wenn jede Minute zählt

Jedes Jahr sterben 65.000 Menschen den plötzlichen Herztod, der Rettungswagen kommt meist zu spät. Ohne ihren Nachbarn und die Freiburger App "Region der Lebensretter" wäre Monika Heckmann eine von ihnen gewesen. 

Dieser Text erschien im Mai 2019 bei der Badischen Zeitung

Laut jault die amerikanische Version des Martinshorns durch Monika Heckmanns Küche. Das Geräusch kommt aus dem Handy ihres Nachbarn Florian Mutter, der es schnell wieder ausmacht. "Das hab ich gehört, als ich auf dem Sofa lag", sagt er. Es war das Signal, aufzuspringen, loszurennen und ein Leben zu retten. Den Alarm hörte er am 16. April um 20:51 Uhr. Eine Minute vorher hatte Monika Heckmanns Herz ohne Vorwarnung ausgesetzt.

Es ist ein Tag wie jeder andere. Nach der Arbeit fährt sie mit ihrer Hündin Luna im Radkorb raus aus Umkirch. Auf dem Feld lässt sie Luna laufen und den Tag ausklingen. Zurück zu Hause erzählt sie ihrem Mann von einem Druck auf der Brust. Sie meinte, das sei der kalte Wind gewesen, sagt Armin Heckmann am Telefon. Sie macht sich etwas zu essen, setzt sich auf die Couch, fragt ihren Mann, was im Fernsehen kommt. "Und dann zack, peng, war sie weg." Die 55-Jährige ist auf ihrem Rattansofa einfach zusammengeklappt. Heckmann hört seine Frau röcheln. Er schüttelt sie, bekommt keine Reaktion. Sofort geht er zum Telefon, wählt den Notruf.

Ihr Nachbar arbeitet freiwillig für das Projekt "Region der Lebensretter"

Seiner Mutter sei das Gleiche passiert, sagt er. Und fügt hinzu: Sie verstarb. Nach der 112 ruft er die Tochter an. Er legt gerade den Hörer auf, da klopft sein Nachbar Florian Mutter an die Tür, in gelber Weste, auf dem Rücken steht "Region der Lebensretter".

Hinter diesen Worten steckt ein Verein, den Michael Müller, Notfallmediziner am St.-Josefskrankenhaus in Freiburg, gegründet hat. Und eine App, ohne die Monika Heckmann heute nicht mehr leben würde.

65.000 Menschen in Deutschland sterben jährlich an einem plötzlichen Herztod. Überleben kann nur, wer so schnell wie möglich wiederbelebt wird. Laut gesetzlicher Hilfsfrist sollen Rettungswagen und Notarzt in Baden-Württemberg nicht mehr als zehn, höchstens 15 Minuten benötigen.

Aber beim plötzlichen Herzstillstand sinkt die Überlebenschance mit jeder Minute um zehn Prozent. In Monika Heckmanns Fall brauchte der Rettungswagen elf Minuten – zu lang zum Überleben. Ihr Nachbar, seit 2006 ehrenamtlich beim Ortsverein des Deutschen Roten Kreuzes, brauchte eine.

Die Idee der App ist folgende: Geht bei der 112 ein Notruf wegen eines Herz-Kreislauf-Zusammenbruchs ein, schickt die Rettungsleitstelle Freiburg-Breisgau-Hochschwarzwald Krankenwagen und Notarzt los. Gleichzeitig ortet sie über die App "First AED" Ersthelfer in der Nähe und alarmiert sie – in dem Fall Florian Mutter. Als sein Handy losheult, springt er auf, reißt die gelbe Weste, die jeder Ersthelfer erhält, vom Kleiderbügel und rennt nach draußen. Vor seinem Haus bleibt er stehen, schaut auf sein Handydisplay.

Da steht, dass der Notfall in seiner eigenen Straße ist. Als er den Namen Heckmann sieht, weiß er: Monika. Die Häuser trennt nur ein Holzzaun – über den springt er und rennt zum Hauseingang, klopft, lässt sich ins Wohnzimmer führen und sieht seine Nachbarin auf dem Sofa liegen.

Zehn Minuten lang reanimiert Mutter seine Nachbarin

Mutter handelt schnell. "Man funktioniert dann einfach", sagt er. Er überprüft ihre Atmung – schlecht –, ihre Reaktion – keine – und legt sie auf den Fliesenboden, um sie zu reanimieren. Ehemann, die eingetroffene Tochter und Hund schickt er nach draußen. Zehn Minuten später kommen Notarzt und Rettungsdienst gleichzeitig. Ihm sei das gar nicht so lang vorgekommen, sagt Mutter heute.

Die Rettungskräfte fragen: Kannst du noch? Also drückt er weiter seine Hände rhythmisch auf den Brustkorb seiner Nachbarin, während sie Heckmann Elektroden für ein EKG aufkleben. Das zeigt, dass ihr Herz nur noch zuckt und kein Blut mehr ins Gehirn pumpt. Nur ein Elektroschock kann es wieder in den richtigen Rhythmus bringen. Mit dem Defibrillator jagen die Sanitäter Strom in Heckmanns Körper. "Und dann kam wieder ein normaler Sinus-Rhythmus", sagt Florian Mutter am Küchentisch und schaut Heckmann an, die auf die Tischplatte starrt.

Sein Job ist getan. Während Notarzt und Rettungskräfte seine Nachbarin beatmen, geht Mutter nach draußen. Vor der Haustür nimmt er Heckmanns Tochter in den Arm. Er hört noch, wie einer der Sanitäter sagt: Der hat ihr vielleicht das Leben gerettet. Erst am nächsten Tag, als die Nachricht aus dem St.-Josefskrankenhaus kommt, dass Heckmann keine bleibenden Schäden davonträgt, atmet er richtig auf.

Die App könnte deutschlandweit eingesetzt werden

Mutter spricht mit ruhiger Stimme. Lächelt zusammen mit Monika Heckmann über den Vorfall. "Man lernt, damit umzugehen", sagt er. Auch wenn ihm in den ersten Tagen die Tränen in den Augen gestanden hätten, sobald er darüber sprach. Heckmann ist nicht die erste Person, die er wiederbelebte – aber die erste, die überlebte. Drei andere starben ihm während der Jahre als Rettungssanitäter im Krankenwagen und beim DRK unter den Händen weg. "Wir waren einfach zu spät", sagt er leise.

Michael Müller, Chefarzt der Intensiv- und Notfallmedizin, ist überzeugt, dass seine App deutschlandweit jährlich bis zu 5000 Menschen das Leben retten kann – weil sie Menschen erreicht, die Erste Hilfe leisten können, aber nicht Teil der Alarmierungskette bei Notfällen sind. Das geht nur, wenn sich viele Ersthelfer registrieren.

Jeder Helfer wird auf sein Können geprüft

Zum Projektbeginn im Sommer 2018 waren es 450, seitdem sind es nur 50 mehr. Der Grund: Jeder wird von Müller und Vereinskollegen in seinem Können geprüft, geschult und ins System eingepflegt. Das braucht Zeit. Er will für das Verbreitungsgebiet mindestens weitere 1000 Helfer finden. "Und das schaffen wir auch", sagt er.

Ein paar mehr werden wohl aus Umkirch hinzustoßen. Ihrem Schwiegersohn, der Kommandant bei der Freiwilligen Feuerwehr in Umkirch ist, hat Heckmann von der App erzählt. Er werde dafür werben und ein paar Kameraden registrieren lassen. Sie selber möchte Geld spenden und wünscht sich, dass zu den zwei Defibrillatoren im Schwimmbad und im Umkircher Gutshof noch mehr dazu kommen, die unabhängig von Öffnungszeiten genutzt werden können.

Die 55-Jährige sitzt auf der Bank in ihrer Küche, durch das Fenster sieht man hinaus in den Garten. Neben ihr steht eine kleine Plastikbox mit Arztbriefen und den Medikamenten, die sie nun ihr Leben lang nehmen muss. Ginge es nach ihr, würde sie kaum noch über das Thema reden. Mit ihren Gedanken ist sie schon bei ihrem Blumenladen in Littenweiler, den ihre Tochter momentan alleine betreibt und der deswegen nur halb so lang aufhat wie sonst.

Die Brust tut noch weh, die Beine sind schlapp

Sie habe schon ihren Hausarzt gefragt, ob sie nicht zumindest ein paar Kränze flechten darf. Aber sie weiß auch, dass sie kürzer treten muss in Zukunft. Dass fünf Tage Arbeit von 8.30 Uhr bis 18 Uhr, Enkelkinder, Hund und Garten nicht mehr gleichzeitig und in dem Tempo gehen werden, das bisher ihr Leben getaktet hat. "Ich merke es ja", sagt sie und schaut auf den Inhalator, den sie momentan benutzt, weil ihr Atem noch knapp ist. Die Brust tut noch weh von der Herzdruckmassage und die Beine sind schlapp. Wieder aufs Rad zu steigen, traut sie sich noch nicht.

Manchmal denke sie daran, was gewesen wäre, wenn. Wenn sie nicht mehr da wäre. An ihre Tochter, ihren Mann, ihre Hündin Luna, die seit dem Vorfall ganz aufgeregt ist und bei jedem Geräusch bellt. Aber dann sagt sie sich: "Ich bin froh, dass es vorbei ist und ich überlebt habe. Jetzt möchte ich weitermachen." Beim Abschied umarmt sie "Flo", wie sie ihn nennt, am Hauseingang. "Danke nochmal", sagt Heckmann.

Text: Theresa Steudel, Foto: camilo jimenez on Unsplash