Mensch auf Traktor

Ohne Nachfolge

Ein eigener Hof, lohnt sich das noch? Diese Fragen scheinen sich immer mehr Jungbauern zu stellen. Denn die deutsche Landwirtschaft hat ein massives Nachwuchsproblem. Zahlreiche Landwirte finden niemanden mehr, der ihren Hof übernimmt.  

Dieser Text erschien im September 2019 bei der Badischen Zeitung

Die Landwirtschaft hat ein Nachwuchsproblem. Einerseits, weil allgemein Fachkräftemangel herrscht. Andererseits, weil Volksbegehren wie Pro Biene, der Preisverfall der Lebensmittel und Auflagen, die zum Teil immer wieder teure Investitionen notwendig machen, viele junge und alte Landwirte ratlos zurücklassen. Ein eigener Hof, lohnt sich das noch? Auch im Freiburger Umland ist das ein Problem, wie ein Gang über den Freiburger Münstermarkt zeigt.

"Es sieht katastrophal aus", sagt ein Landwirt aus dem Freiburger Umland, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte. Ihm gehört einer der größeren Stände auf dem Münstermarkt, nächstes Jahr wird er seinen Hof voraussichtlich aufgeben müssen. Seine Tochter sollte mal den Hof übernehmen. "Aber dann hat sie mitgekriegt, wie viele Stunden wir arbeiten." Jeden Morgen steht er um 5 Uhr auf, samstags kurz nach 3 Uhr. Gearbeitet wird bis 21 Uhr abends. "Am Sonntag geht’s dann noch ins Büro. Wir haben eine 6,5-Tage-Woche. Das will niemand mehr", sagt er resigniert, die Hände auf ein paar Kisten mit Äpfeln gestützt.

Der Verkauf läuft gut – aber die Arbeit ist zu viel geworden

Vor seinem Stand bildet sich schon eine kleine Schlange. Weitermachen könne er trotz eines gut laufenden Betriebs und zahlreicher treuer Kunden selber nicht mehr. "Ich muss jeden Tag Tabletten nehmen." Arm, Rücken und Knie schmerzten zu sehr. Wie alt er ist? "57", antwortet er und zuckt mit den Schultern. "Wahnsinn, nicht wahr?"

Er will seine zehn Hektar Land, Betrieb und Marktstand verpachten – findet aber niemanden, der den Hof haben will. "Vier Bewerber hatten wir, alle sind abgesprungen." Die Gründe seien vielfältig: Erntehelfer seien aufgrund des Mindestlohns zu teuer, die Produktionsdokumentation zu aufwendig, die Auflagen schränkten zu sehr ein. Ein Beispiel: Rückstände von Pflanzenschutzmitteln.

In Europa ist genau geregelt, welche Menge an Pflanzenschutzmitteln in Gemüse und Obst enthalten sein dürfen, Deutschland hat zum Teil noch strengere Vorgaben, die sich auch regional unterscheiden. Beim Einkauf entschieden die meisten dann aber trotzdem nach Preis und Aussehen der Ware. "Zumindest in Europa sollte das überall gleich geregelt sein", findet der Landwirt.

Auch Helmut und Cäcilia Nübling aus Denzlingen wollen bald aufhören. Ihre Nachfolge ist gesichert: Sohn Matthias hat den Hof vor vier Jahren übernommen. Allerdings fehlt ihm die Zeit, auf dem Münstermarkt zu verkaufen. "Wenn wir nicht mehr kommen, gibt es den Stand dann auch nicht mehr", sagt Cäcilia Nübling.

"Ich wäre ihm gar nicht böse, wenn er das nicht weitermacht."

Rolf Danner, 80 Jahre, hat seinen Hof in Schallstadt, der seit 150 Jahren existiert, vor 15 Jahren an Sohn Jörg abgegeben und hofft nun, dass eines Tages die Enkelkinder sein "Lebenswerk" weiterführen. Noch ist aber nichts sicher. Auch sein Standnachbar Elmar Henninger hat mit 20 Jahren den Hof seines Vaters in Königschaffhausen übernommen. Er verkauft Obst und Gemüse, auch ein kleines Fass mit Neuem Süßen steht vor ihm. Er hat einen Sohn, sagt aber: "Ich wäre ihm gar nicht böse, wenn er das nicht weitermacht."

Auch die Kinder von Familie Schwaab wollen den Hof nicht übernehmen. Das findet das Ehepaar zwar traurig – mit Blick auf die Arbeitsbedingungen der Landwirte sind sie aber froh, dass ihre Kinder Berufe mit geregelten Arbeitszeiten haben. Die beiden sind 51 und 58 Jahre alt und wollen noch ein paar Jahre durchhalten. Den Hofladen haben sie schon an ein junges Ehepaar abgegeben.

Bernhard Brüdele vom Obsthof Brüderle in Renchen-Waldrum ist einer der wenigen, der sich noch keine Gedanken macht – er ist erst 40 und wird noch viele Jahre auf den Münstermarkt kommen. So geht es auch Martin Meier, 44, aus Bötzingen, der gerade mehrere Kisten mit frischer Ware und Blumen für eine Kundin zusammenpackt. "Die Person, die es macht, muss es von Herzen machen", sagt er. "Aber bei unseren Rahmenbedingungen frage ich mich, kann das noch jemand durchhalten?" Er fühlt sich häufig zu Unrecht an den Pranger gestellt. Ob Glyphosat auf den Feldern, Nitrat im Grundwasser oder das Bienensterben – der Buhmann sei immer der Landwirt. Kleine Betriebe würden mit industrieller Landwirtschaft über einen Kamm geschoren.

Sabine Wagner aus Denzlingen beschäftigt das Thema Nachfolge immer wieder. "Wenn Pro Biene kommt, sehe ich schwarz." Dann gebe es auf dem Münstermarkt bald keine Kleinbauern mehr. "Wir haben keine Zeit, auch noch die Raupen von unseren Früchten abzulesen, wenn wir gar nichts mehr spritzen dürfen", sagt sie und wendet sich wieder ihren Kunden zu.

Passend zum Thema: Birgit Motteler vom Verein "Familie und Betrieb" berät Quereinsteiger und Seniorenlandwirte bei Hofübernahme und -übergabe. Im Interview mit mir erzählt sie, wie schwierig das für beide Parteien sein kann.

Text: Theresa Steudel, Foto: Spencer Pugh on Unsplash