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Klug sein oder Kind sein?

Jonas ist 5, als festgestellt wird, dass er hochbegabt ist. Seine Begabung ist auch eine Herausforderung, für ihn und seine Eltern. Denn jeden Tag fragen sie sich: Wie stark fördere ich mein Kind — und wann lass ich es einfach nur Kind sein?

Dieser Text erschien im April 2019 in der Badischen Zeitung

Irgendwo in Südbaden scheint die Sonne durch große Fenster in ein Wohnzimmer. An einem Holztisch, auf dem Schulhefte und Stifte verteilt sind, sitzt Jonas, acht Jahre alt. Neben ihm hockt sein Bruder Tim, sechs Jahre alt, den Kopf auf seine Hände gestützt, das Heft vor ihm betrachtend. Er muss berechnen, wie viel Geld er übrig hat, wenn er eine Banane und einen Apfel kauft. Er weint, als er die Aufgabe wiederholt falsch macht. Seine Mutter Helen Winter, die zwischen den beiden Jungen sitzt, streicht ihm die Tränen weg und lächelt. Nicht schlimm, sagt sie zu dem Erstklässler, und erklärt es noch einmal.

Jonas, der in die dritte Klasse geht, soll aufschreiben, wie viele sichtbare Flächen die Würfel haben, die in seinem Heft wie bei einem Zauberwürfel einen großen ergeben. Er zählt sechs Reihen mit jeweils 16 freien Flächen. Er schreibt 96, ohne nachzudenken. Die Aufgabe ist keine Hausaufgabe wie die seines Bruders. Es sind Übungen seiner Lehrerin, damit Jonas am Wochenende knobeln kann. Er mag Wochenenden. In die Schule geht er meistens nicht so gern, erzählt er. Da ist alles so langsam. Schriftliches Rechnen fand er lange öde, wegen der vielen Zwischenschritte. Er wusste das Ergebnis auch ohne.

Jonas ist fünf Jahre alt, als er einen Test namens "Wechsler Preschool and Primary Scale of Intelligence" macht. Befragt wird er von einem Psychologen. Der Test ist spielerisch aufgebaut. Jonas legt Mustervorlagen mit Würfeln oder errät Begriffe wie bei Tabu. Dafür kriegt er Punkte. Er landet im Vergleich bei 99,7 Prozent. Das bedeutet, dass 99,6 Prozent der Kinder in seinem Alter im Test schlechter abschnitten als er. Jonas ist hochbegabt. Intellektuell hochbegabt, darauf hat sich die Wissenschaft geeinigt, sind die leistungsstärksten zwei Prozent der Menschen einer Gesellschaft. Hochbegabung misst etwas, das nicht messbar ist wie die Länge eines Zauns. Etwas, das sich im Laufe der Zeit verändert: Intelligenz.

Wer viel weiß, gilt schnell als neunmalklug

Jonas hat einen Intelligenzquotienten von 144 – als hochbegabt gilt man ab 130. Aber er weiß nichts von seiner Hochbegabung. Seine Eltern, Helen und Otto Winter, haben ihm nie davon erzählt. Sie wollen ihn beschützen, vor Vorurteilen anderer Kinder, Lehrer, Bekannter. Vielleicht auch vor sich selber. Deshalb möchte Familie Winter ihren richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen. Auch in der Schule sind nicht alle Lehrer eingeweiht. Otto Winter, selber Lehrer, weiß, wie das ist, wenn Eltern Diagnosen für ihre Kinder vorlegen. "Lehrer können damit nicht immer gut umgehen, sie zweifeln Atteste an und stecken die Kinder in Schubladen." Seit er weiß, dass sein Sohn hochbegabt ist, versuche er, hinter den "zweckmäßig richtigen Schubladen" Individuen zu sehen. "Aber eigentlich kann die Schule Sonderbehandlungen nicht hergeben", sagt er. Ein Kind wie Jonas passe selten in dieses für die breite Masse gemachte System.

In seinem Kinderzimmer zeigt Jonas seine Lieblingsgegenstände. Seinen Globus, das Mikroskop, das Teleskop und das Auto, das er aus Legosteinen gebaut hat. Auf seinem Schreibtisch liegen ein selbstgebasteltes Wolfskelett und seine Flöte. Er greift sie sich, fängt an vorzuspielen. Aufgeregt blättert er ein Notenblatt nach dem anderen um und wiegt sich im Takt der Musik.

Hochbegabte, sagt Frank Prietz, Leiter des Kompetenzzentrums für Hochbegabte Baden-Württembergs, erkenne man im Schulalltag selten. Das liege zum Teil auch daran, dass sie absichtlich Fehler in ihre Arbeiten basteln würden, um nicht aufzufallen. Wer viel weiß, gilt als neunmalklug, sagt Prietz – auch bei den Lehrern. Otto Winter bestätigt das: "Wenn er musisch oder sportlich begabt wäre, wäre das etwas anderes. Aber klug sein ist nicht sexy."

Bei einem Großteil der Hochbegabten sei es laut Prietz auch gar nicht schlimm, dass ihre Intelligenz unentdeckt bleibe. Sie haben keine Probleme in der Schule und zeigen kein auffälliges Verhalten. "Nur wenige, die sogenannten Underachiever, passen so wenig in das Schulsystem, dass ihre Leistungen, gemessen in Schulnoten, sehr schlecht sind", sagt Prietz. Das bestätigt eine der wenigen aussagekräftigen Studien zum Thema, das Marburger Hochbegabtenprojekt. Für diese Kinder sind Gymnasien mit Hochbegabtenklassen wie in Lörrach oder Lahr eine Alternative – oder das Gymnasium für Hochbegabte in Schwäbisch Gmünd, an dem Prietz unterrichtet.

Schon als Jonas ein halbes Jahr alt ist, merken Helen und Otto Winter, dass er anders ist. Alles um sich herum aufsaugt. Als er fünf ist und in die Schule will, recherchieren die Eltern entgegen der Ratschläge der Erzieher im Kindergarten zur früheren Einschulung. Sie landen bei der Beratungsstelle Elementum Freiburg. Dort hat man keine Bedenken – im Gegenteil. Es ist das erste Mal, dass das Wort Intelligenztest fällt.

Die ersten zwei Monate in der Schule laufen super. Aber nach den Herbstferien kommt die Frustration. "Er hat Aufgaben nicht mehr verstanden, die er vorher ohne Probleme bewältigte", sagt Helen Winter. Sie wissen nicht, ob er überfordert ist oder unterfordert. Weil sie Gewissheit wollen, entscheiden sie sich schlussendlich für den Intelligenztest. Das Ergebnis hilft ihnen, ihren Sohn einzuordnen. Nicht weniger und auf gar keinen Fall mehr soll es bedeuten. Manche Eltern würden damit kokettieren gehen. Das wollen sie nicht.

Jonas entspannt, wenn sein Gehirn beschäftigt ist

Sie entscheiden, dass Helen Winter, Einzelhandelskauffrau, länger zu Hause bleibt, um Jonas’ Frustration aufzufangen. Otto Winters Gehalt als Gymnasiallehrer reicht zum Leben, für den Sportverein und die Flötenstunden für Jonas. Außerdem öffnet ihnen das Testergebnis die Türen zur Hector-Kinderakademie, einer Stiftung, die begabte Kinder im Grundschulalter in kostenlosen Kursen fördert. Vor allem aber kostet sie Jonas Zeit. Er will beschäftigt sein. "Zuerst haben wir versucht, ihn zum Entspannen zu bringen, damit er seinen Kopf ausschaltet. Wir haben eine Weile gebraucht, um zu verstehen, dass er genau das tut, wenn sein Gehirn beschäftigt ist", erklärt Helen Winter. Keiner von ihnen sei früher so gewesen, sie selber habe Abi mit 2,5 und Ehrenrunde. Aber beide hätten viele Interessen – Musik, Naturwissenschaft, Kochen. Es falle allen leicht, sich mit Jonas für etwas zu begeistern.

Jonas zählt auf: Er mag Leichtathletik, Tiermedizin, Tischtennis, Fußball, Chor, Flöte, am Computer programmieren. Im Fernsehen schaut er gern Terra-X oder Andreas Kierlings Tierdokus. Und Trickfilme? Er verzieht das Gesicht. "Nö." Jeden Abend liest er anderthalb Stunden Bücher. Nicht eins nach dem anderen, sondern mehrere parallel. Im Regal neben seinem Bett sind Dutzende CDs aufgereiht: klassische Musik, "Was ist Was", "Kinderuni", "Geolino". Die hört er abends noch eine Stunde, wenn er mit dem Lesen fertig ist. Wenn er erzählt, was er gehört hat, trägt er den Inhalt wortwörtlich vor. Einmal, erzählt Helen Winter, sei er mit der Aufgabe nach Hause gekommen, ein Gedicht auswendig zu lernen – und verstand nicht, wieso. Nach einmal Lesen konnte er es doch ohnehin schon aufsagen.

Jonas weiß nur, wie er in Situationen reagieren soll, weil er es vorher irgendwo gelesen hat, denkt sie sich manchmal. Er verstehe durchaus, dass er einen Stempel hat – wenn auch nicht, welchen. "Er hat mal abends im Bett gesagt: Mama, mir macht das nichts aus, aber die anderen spielen alle zusammen, nur ich nicht", erzählt Helen Winter. In drei Schuljahren sei er zweimal zu Geburtstagen eingeladen worden – sein Bruder seit Beginn der ersten Klasse achtmal. In den Ferien verabrede sich Jonas nicht, sondern spiele mit seinem Bruder und seiner Schwester. "Wir wissen, dass wir in irgendeiner Form demnächst mit ihm reden müssen", sagt Helen Winter. Ihr Mann zuckt mit den Schultern. "Dann fragt er, was das heißt. Und wir können ihm keine befriedigende Antwort geben."

Emotional ist Jonas noch nicht so weit wie sein Gehirn

Sie hatten sich für eine Schule mit gemischten Jahrgängen entschieden, in der Erst- und Zweit- sowie Dritt- und Viertklässler zusammen lernen. Eigentlich, damit Jonas die erste Klasse ohne Probleme nochmal machen kann, falls er überfordert ist. Inzwischen, damit er Klassen nicht überspringen muss. Das sei noch so ein Vorurteil – dass Hochbegabte schneller durch den Stoff marschieren müssen und ein Einser-Abi schreiben. Das könnte er wahrscheinlich, würden sie ihn noch stärker fördern. Aber sie wollen Jonas seine Kindheit nicht nehmen. Denn sie merken, dass seine emotionelle Entwicklung seinem Gehirn nicht immer folgen kann. "Er redet und argumentiert wie ein Zehnjähriger, aber reagiert eben wie ein Achtjähriger", sagt Helen Winter.

"Ich habe in all meinen Berufsjahren noch nie ein Kind gesehen, bei dem die Hinweise auf Hochbegabung so deutlich sind", sagt Hannelore Bader, Jonas’ Klassenlehrerin, 60 Jahre alt. Auch ihr Name ist geändert. In ihrem Unterricht dürfen Schüler ihre Aufgaben in eigenem Tempo machen. Wer schneller ist, bekommt Fragen zum gleichen Thema, aber auf einem höheren Niveau. Jonas ist immer schnell fertig, schreibt häufig Einsen und Zweien. Er langweile sich, sagt Bader. Er kenne das Gefühl nicht, sich etwas erarbeitet zu haben – sondern könne die Aufgaben einfach. Trotzdem mache er viele Faselfehler. Bader glaubt, dass er manche Aufgaben für so trivial hält, dass er einen Trick dahinter vermutet – und dann absurde Antworten gibt.

Jonas hätte gern das Gefühl, wie alle anderen zu sein

Weil sie weiß, dass der nächste Klassenlehrer Jonas ganz anders behandeln kann, verlangt sie von ihm, Strukturen wie Rechenwege zu lernen, obwohl er sie nicht braucht: "Ich habe die Verantwortung, ihn in ein Ordnungssystem zu pressen." Damit er nicht frustriert ist, lässt sie ihn Zusatzaufgaben machen, die ihn interessieren – darauf achtend, dass diese ihn nicht noch weiter bringen als andere. Manchmal, wenn sie mit den Drittklässlern an der Tafel übt und die Viertklässler ihre Aufgaben an Tischen erledigen, erlaube sie Jonas, sich dazuzusetzen. Dann strahle er und arbeite wie eine Maschine. Sie glaubt, er hätte gern das Gefühl, wie alle anderen zu sein.

"Bewusst gepusht haben wir ihn nie", sagt Helen Winter. "Mein Plan war, einen guten Menschen hinzubekommen, keinen besonders intelligenten", sagt Otto Winter. Mit seinen Geschwistern tobt Jonas durch das Haus. Vor ein paar Tagen haben sie eine alte Digitalkamera entdeckt und drehen nun Actionfilme. Tim rennt kreischend vor seinem Bruder davon, Jonas verfolgt ihn über den Korridor ins Zimmer seiner Eltern und wieder zurück. Sie hüpfen eine Runde auf jedem Bett, dann tauschen sie die Regie. Tim filmt und Jonas boxt in das Objektiv, das Gesicht zu einer Grimasse verzogen. Seine Augen leuchten.

Text: Theresa Steudel, Foto: Anita Jankovic on Unsplash