BH in einer Schublade

Bitte größer

Wenn Julia Winkler aus dem Haus geht, dann nur mit Push-BH. Sie findet sich schön, nur — die Brüste fehlen. Sie geht zum Schönheitschirurgen. Ich habe sie begleitet und gefragt, warum sie sich für eine OP entschieden hat. 

Dieser Text erschien im August 2019 bei der Badischen Zeitung


Langsam fährt der Edding über ihre Haut. Drei Striche in die Mitte des Brustkorbs, einen unter die Brüste, zwei links und rechts, dort, wo der Muskel endet. Sie zittert. Ob sie kitzlig sei, fragt der Arzt, den Edding in der Hand. Sie lächelt, nickt, friert aber eigentlich.


Als man ihren Freund weggeschickt hatte und sie alleine zurückblieb, stieg kurz Panik in ihr auf. Was mache ich eigentlich hier, fragte sie sich, die langen blonden Haare unter einer Haube, eine Kanüle im Arm, nichts gegessen, aber viel getrunken, damit sie sich nicht übergibt. Das hatte ihr der Anästhesist geraten.
 
Julia Winkler, 25 Jahre, dünn, sportlich, wird sich gleich die Brüste vergrößern lassen.
 
Auf einem Bett wird sie in den Operationssaal gerollt, in dem das Personal bereitsteht. Auf dem Monitor des Anästhesisten steigt Winklers Puls langsam, 110, 112, 113. "Kennen Sie einen schönen Ort?", fragt eine Schwester, sie sagt: die Türkei. Da fährt sie in zehn Wochen hin. Dann wirkt schon die Narkose. Sie desinfizieren ihren Oberkörper, decken ihn bis auf die Brüste ab. Ihr Arzt, Jörg Borges, greift zum Skalpell, sagt "Schnitt" und schneidet eine feine Linie in die blasse Haut.

"Ich finde, Brüste machen eine Frau aus. Sie machen sie schön."

24 Stunden vorher steht Julia Winkler, die eigentlich anders heißt, im Schlafzimmer ihrer Wohnung im Hochschwarzwald. "Ich will keine Megamöpse", sagt sie, "ich will einfach irgendwas." Unter ihrem Pullover sieht man eine leichte Schwellung – 70 A, für kleinere Brüste gibt es in Standardläden keine BHs. Ihre liegen völlig durcheinander in einer Schublade, nur in der hintersten Ecke sind ein paar ordentlich gestapelt, als seien sie lange nicht angefasst worden. "Das sind die ohne Push", sagt Winkler.


Wenn sie ausgeht, trägt sie gern enge Kleider, dann müssen es mindestens zwei BHs sein, deren zentimeterdicke Stoffkissen ihre Brüste nach oben drücken. Beim Sport zieht sie einen Push- unter den Sport-BH. Den Bikini bindet sie sich so fest im Nacken zusammen, dass es wehtut. Dann hat sie ein bisschen Dekolleté. "Ich finde, Brüste machen eine Frau aus. Sie machen sie schön", sagt Winkler. Sie ertappe sich häufig dabei, wie sie anderen Frauen neidisch auf den Busen starre.
 
Lange habe sie versucht, sich andere Wünsche zu erfüllen: Schminken, Klamotten, Abnehmen. "Das hat mir alles nichts gegeben." Sie begann, in ihrem Bekanntenkreis über ihre Unzufriedenheit zu sprechen. Häufiger als erwartet, war die Antwort: Ging mir genauso. Dann habe ich mir die Brüste machen lassen und es war die beste Entscheidung.
 
Vor ein paar Monaten stieß sie im Internet auf den Ästhetisch-Plastischen Chirurgen Jörg Borges, der eine Praxis in Freiburg hat. "Der Plan", sie lacht ein wenig verlegen, "war, dorthin zu gehen, mir anzuhören, wie schlimm das wird und mich dann für immer von der Idee zu verabschieden." Sie hat Respekt vor OPs, vor Krankenhäusern, denkt an all die Youtube-Videos, die sie gesehen hat und in denen Frauen von Schmerzen nach einem Eingriff berichten. Aber Borges sagt, er operiert ambulant. Nach ein paar Stunden könne sie wieder nach Hause. Wenig später steht der OP-Termin fest.

Ihr Freund war am Anfang gegen eine Operation

Im Türschloss dreht sich der Schlüssel, ihr Freund ist zu Hause. Er begrüßt sie mit einem Kuss und stellt starke Schmerzmittel auf den Tisch – für die Tage nach der OP. Außer ihm, ihrer Mutter, Freundin und Kollegin hat Winkler niemandem davon erzählt. "Dafür habe ich jetzt keine Nerven, dass man mich in eine Schublade steckt." Verteidigen musste sie sich am Anfang auch vor ihrem Freund. "Sie sollte wissen, dass sie das nicht wegen mir machen muss", sagt er, den Blick auf sie gerichtet.
 
Winkler zahlt 6800 Euro – der Preis für Arzt, Implantate, Narkose, Operationssaal, Personal. Eigentlich wollte Winkler nur 6000 Euro ausgeben, nun ist es mehr, aber das ist es ihr wert. Sie muss das Geld aus eigener Tasche bezahlen, vielleicht nicht nur einmal, denn Implantate werden in der Regel nach zehn Jahren ausgetauscht. Die gesetzliche Krankenversicherung zahlt Schönheitsoperationen nur bei medizinischen Gründen wie Fehlbildungen.
 
Winkler weiß nicht, wie groß ihre Implantate werden, Borges schon. Er hat ihre Brüste mehrmals vermessen, die geplante Größe aber nie genannt. Es gehe nicht darum, welche Größe das Implantat habe, sondern dass es passe, sagt er, während ihm die OP-Schwester die Implantate aus einem Kartonstapel in der Ecke des OP-Saals reicht.
 
 Das Implantat muss zwischen Brustbein und -muskel passen, dort sei es von Weichteilgewebe abgedeckt. Sonst steige das Risiko einer Kapselfibrose – das Bilden einer kleinen harten Kapsel, wenn sich die Brust gegen den Fremdkörper Implantat wehrt. Die Assistenzärztin zieht die aufgeschnittene Haut der Brust nach oben und Borges schiebt die Silikonkissen an ihren Platz.

Julia Winkler erwacht aus der Narkose — und lächelt

Nach 40 Minuten ist er fertig, klebt die fingerlangen Nähte unter Winklers Brust mit Pflastern ab, polstert sie mit Tüchern, legt ihr einen schwarzen Stütz-BH um, den sie die nächsten drei Monate tragen muss. Die Narkose lässt nach, langsam kommt Winkler zu sich. Borges nimmt ihre Hand, legt sie auf die neue Brust. Winkler tastet. Und lächelt.
 
Die ersten drei Tage nach der OP seien sehr anstrengend gewesen, sagt sie vier Wochen später in der Wohnung im Hochschwarzwald. Sie habe sich nicht hinlegen können, ohne beim Aufsetzen ihre Brustmuskeln zu belasten. Also schlief sie im Sitzen auf dem Sofa. Nach fünf Tagen ging es ihr wieder gut.
 

Bei der Frage, ob die OP notwendig war, ist sie erst still, sagt dann: "Wahrscheinlich hätte ich mich irgendwie damit abfinden können." Hätte der Arzt nicht erzählt, wie einfach es sei, hätte sie es vielleicht nicht gemacht. Sie liebe ihren Körper. Den flachen Bauch, den schönen Po, die durchtrainierten Oberschenkel. Aber die Brüste – die fehlten. "Jetzt habe ich ein anderes Körpergefühl."


 Hätte sie sich gegen die OP entschieden, glaubt Winkler, wäre das Thema dennoch nie ganz vom Tisch gewesen. "Bei jedem Urlaub, jedem Schwimmbadbesuch hätte ich wieder daran gedacht." Im Nachhinein habe sie sich einen Wunsch erfüllt – und ertappe sich trotzdem dabei, wie sie denke: Ich habe jetzt auch Silikonbrüste wie die Barbies. Ihr Freund seufzt. Wenn die Medizin es ermöglicht, den Körper zu ändern, könne man das doch nutzen, findet er.

Eine Therapie hätte Julia Winkler nicht gemacht

Glücklicher und selbstsicherer fühlten sich auch die Probanden einer 2013 veröffentlichten Langzeitstudie nach einer Schönheits-OP. Deren Lebenszufriedenheit verglichen der Psychologe Jürgen Margraf und Kollegen der Universitäten Bochum und Basel mit Personen, die sich eine OP gewünscht, aber dagegen entschieden hatten sowie mit Menschen, die sich nie dafür interessierten. Seitdem wehre sich Margraf dagegen, Schönheits-OPs als unmoralisch abzustempeln, sagt er. "Die meisten Patienten damals waren gesund, taten das für sich, hatten realistische Ziele und waren lange nach der OP noch zufrieden."

Nicht ausschließen lasse sich aber, dass das in den Medien vermittelte Körperbild sie beeinflusst hatte. "Es gibt einen Druck, auszusehen wie das gerade herrschende Ideal." Am Ende des Fazits riet die Studie sogar, in zukünftigen Untersuchungen zu klären, ob die gleichen Effekte bei einer Therapie oder anderen Angeboten erzielt werden können, die das eigene Selbstwertgefühl steigern.
 
Hätte Winkler eine Therapie gemacht? "Nein", sagt sie. "Die OP war für mich bequemer." Einfacher, als sich immer wieder mit ihrem Körper auseinanderzusetzen.

Die BHs liegen immer noch in der Schublade im Schlafzimmer. "Eigentlich schade, die alle wegzuschmeißen", sagt Winkler. Ihren Stütz-BH hat sie ausgezogen, die Brüste sehen fest und rund aus. Das finale Ergebnis wird sich erst in sechs Monaten zeigen, wenn die Haut sich über die neue Masse gedehnt hat, die Schwellung abnimmt, die Implantate nach unten sinken und die Brust eine natürliche Form annimmt. Die Narben sehen aus, als hätte man mit einem roten Kugelschreiber eine dünne Linie auf ihre Haut gemalt.
 
Für die Türkei hat sich Winkler einen neuen Badeanzug gekauft. Das Dekolleté ist einige Zentimeter tief und wird mit über Kreuz gelegten Schnüren zusammengehalten. "So was hätte ich vorher nie gekauft, nur um den Streifen Haut zwischen meinen Brüsten zu zeigen." Sie betrachtet ihren Oberkörper. "Es fühlt sich definitiv noch an wie meine Brust", sagt sie und lächelt. "Nur größer."

Text und Foto: Theresa Steudel